Beinwell – die Kraft steckt in der Wurzel
Jetzt, im Herbst, sieht man ihn oft kaum noch. Das Laub wird müde, die oberirdischen Teile ziehen sich zurück. Aber unten im Boden ist noch ordentlich etwas los. Die Beinwellwurzel sitzt tief in der Erde. Dick, dunkel und etwas schleimig beim Aufschneiden. Kein besonders hübscher Anblick. Und doch gehört sie seit Jahrhunderten zu den bekannten Pflanzen der Volksheilkunde.
Der Name Beinwell passt dazu. „Bein“ bezeichnete früher den Knochen, „wellen“ steht im alten Sprachgebrauch sinngemäß für zusammenfügen oder zusammenwachsen. Eine Pflanze also, deren Name schon erzählt, wofür man sie einst geschätzt hat. Heute kennt man den Beinwell vor allem aus äußerlichen Zubereitungen – etwa Salben und Einreibungen.
Was steckt in der Beinwellwurzel?
Eine Besonderheit des Beinwells ist Allantoin. Dieser Stoff wird seit Langem mit Vorgängen der Gewebeneubildung und Regeneration in Verbindung gebracht. Dazu kommen unter anderem Schleimstoffe, Gerbstoffe und weitere Pflanzeninhaltsstoffe. In der traditionellen Anwendung wird Beinwell äußerlich bei stumpfen Verletzungen, beanspruchten Gelenken sowie zur Pflege von Haut und Gewebe verwendet. Auch bei Sehnen und Bändern findet man ihn in alten Rezepturen wieder. Das heißt nicht, dass eine Beinwell-Salbe einen Knochenbruch „heilt“. Ein gebrochener Knochen gehört selbstverständlich in fachkundige Hände. Die traditionelle Pflanzenkunde hat ihren Platz – aber sie ersetzt keine medizinische Behandlung.
Und noch etwas gehört beim Beinwell unbedingt dazu: Die Pflanze enthält Pyrrolizidinalkaloide. Deshalb sollte Beinwell nicht innerlich angewendet werden. Für die äußerliche Anwendung sind entsprechende, dafür geeignete Zubereitungen vorzuziehen.
Die Wurzel wird geerntet, wenn oben nichts mehr los ist.
Später Herbst ist eine gute Zeit, sich die Wurzel genauer anzusehen. Wenn sich die oberirdischen Pflanzenteile zurückgezogen haben, findet man die kräftige Wurzel im Boden. Auch das zeitige Frühjahr vor dem neuen Austrieb wird traditionell zur Wurzelernte genutzt.
Wer Beinwell im eigenen Garten hat, kennt das Problem: Einmal angekommen, bleibt er gerne. Beim Graben trotzdem nicht alles ausreißen. Ein Teil der Wurzel darf ruhig im Boden bleiben. Der Beinwell nimmt einem das meist nicht übel und treibt im nächsten Jahr wieder aus. Und beim Ausgraben merkt man schnell, warum die Pflanze so gut in der Erde verankert ist.
Eine alte Beinwell-Salbe
Eine Möglichkeit, die Wurzel äußerlich zu verwenden, ist ein Ölauszug, der anschließend mit Bienenwachs zu einer Salbe verarbeitet wird.
Du brauchst:
- etwa 35 g frische Beinwellwurzel
- 250 g pflanzliches Öl, zum Beispiel Olivenöl
- 35 g Lanolin
- 25 g Bienenwachs
Wer möchte, kann traditionell auch Salomonsiegelwurzel ergänzen. Die frische Wurzel zunächst gründlich reinigen, trockentupfen und klein schneiden. Dann mit dem Öl vorsichtig erwärmen. Nicht wild braten – die Pflanze soll langsam ins Öl übergehen. Anschließend vom Herd nehmen und über Nacht stehen lassen.
Am nächsten Tag wird der Ansatz noch einmal vorsichtig erwärmt und danach durch ein feines Tuch oder Sieb abgefiltert.
Nun kommen Lanolin und Bienenwachs dazu. Unter leichtem Rühren schmelzen lassen. Eine kleine Probe auf einem kalten Teller zeigt, wie fest die Salbe später wird. Ist sie zu weich, kann etwas mehr Bienenwachs dazu.
Dann abfüllen und vollständig auskühlen lassen. Der Duft ist erdig. Die Farbe meist kräftig. Eine solche Salbe sieht nicht aus wie ein Produkt aus der Kosmetikabteilung – und genau das mag ich daran. 🌿
Noch ein Wort zur Anwendung: Solche traditionellen Zubereitungen gehören nur auf intakte Haut. Bei tiefen Wunden, starken Verletzungen, Verdacht auf Knochenbruch oder anhaltenden Beschwerden sollte die Ursache fachlich abgeklärt werden. Der Beinwell ist keine Zauberpflanze. Aber er ist eine dieser alten Pflanzen, bei denen man versteht, warum sie über Generationen hinweg ihren Platz in der Volksheilkunde behalten haben. Und manchmal reicht schon das Ausgraben einer einzigen Wurzel, um wieder daran zu denken, was alles unter unseren Füßen wächst.


